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Wenn Patienten und Mitarbeitende Angst haben

 

Beleidigungen in der Ambulanz, ein Schlag im Pflegezimmer, ein übergriffiger Satz im Team: Gewalt ist auch in Gesundheitseinrichtungen leider Realität. Ja, auch bei den Barmherzigen Brüdern. Der Orden reagiert darauf mit eigenen Schutzkonzepten, die über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen.

 

Autor: Simon Doering

22. Juni 2026

Das Bild ist ein Symbolfoto für das Zeichen 'Stopp'.

Auf einer Station hebt ein Angehöriger die Stimme, bis aus Ärger Drohung wird. Ein Patient spuckt in der Ambulanz vor eine Pflegekraft. In einem Altersheim schlägt ein demenzkranker Bewohner mit dem Infusionsständer um sich. Dann gibt es aber auch die Situationen abseits von Patient:innen und Angehörigen: Beleidigungen zwischen Kollegen und Kolleginnen, ein zweideutiger Satz, eine Berührung, die zu lange dauert, oder eine Kollegin, die sich nicht ernst genommen fühlt. Gesundheitseinrichtungen sind Orte der Hilfe. Aber sie sind auch Orte, an denen Menschen oft mit Schmerz, Angst, Scham, Zeitdruck oder Kontrollverlust kämpfen. Wo so viel Nähe, Abhängigkeit und Überforderung auf engem Raum zusammenkommen, entsteht nicht nur Fürsorge. Dort kann es leider auch zu Grenzverletzungen, Übergriffen und Gewalt kommen.

 

„Die European Federation of Nurses Associations (EFN) schätzt, dass jede fünfte Pflegekraft in den letzten Jahren Opfer von Übergriffen wurde."

 

Zahlen, die Bände sprechen

In einer Umfrage der Weltgesundheitsorganisation, an der mehr als 90.000 Personen aus 29 europäischen Ländern teilnahmen, wurde festgestellt, dass jährlich etwa 10 Prozent der Gesundheitsfachkräfte körperliche Gewalt erfahren und rund ein Drittel verbaler Gewalt oder Drohungen ausgesetzt ist. Besonders besorgniserregend sind die Zahlen aus dem Pflegebereich: Die European Federation of Nurses Associations (EFN) schätzt, dass jede fünfte Pflegekraft in den letzten Jahren Opfer von Übergriffen wurde. Diese Übergriffe gehen häufig von Patient:innen oder deren Besuchenden aus. Doch auch Ärzt:innen werden nicht verschont: Laut einer Umfrage der Wiener Ärztekammer berichteten 55 Prozent der befragten Ärzt:innen von verbaler Gewalt in den letzten zwei Jahren, 24 Prozent von psychischer und 16 Prozent von körperlicher Gewalt. In Deutschland schließlich gaben 73 Prozent der Krankenhausbeschäftigten an, dass körperliche oder verbale Übergriffe in den letzten fünf Jahren sogar deutlich zugenommen haben.

 

Auch die Barmherzigen Brüder ziehen aus diesen Entwicklungen Konsequenzen. In der Ordensprovinz Europa Mitte wird die Gewaltprävention weiter ausgebaut. Der Blick richtet sich dabei nicht nur auf spektakuläre Einzelfälle, sondern auf das gesamte Feld der Grenzverletzungen im Alltag. Sabine Sramek, Pflegedirektorin der Altenbetreuungseinrichtung in Kritzendorf bei Wien und Koordinatorin der Gewaltpräventionsmaßnahmen im Bereich der Ordensverwaltung Wien, fasst das bewusst weit: „Auch wenn Gewalt überwiegend von Besuchern und Patienten kommt, gibt es sie auch unter den Mitarbeitenden selbst.“ Gemeint sind aggressive Situationen im Team, sexualisierte Grenzverletzungen, Benachteiligungen im Arbeitsalltag, entwürdigende Bemerkungen, körperliche Übergriffe unter Kolleginnen und Kollegen, aber auch Fälle häuslicher Gewalt, in denen Beschäftigte Hilfe brauchen.

Das Bild zeigt Sabine Sramek bei der Präsentation des Gewaltschutzkonzeptes in Kritzendorf.

PDir. Sabine Sramek DGKP MSc präsentiert das "Gewaltschutzkonzept" der Altenbetreuungseinrichtung in Kritzendorf bei Wien.

„Gewalt beginnt nicht erst dort, wo die Polizei gerufen wird. Sie beginnt oft früher: mit der Berührung, die zu selbstverständlich wird, mit der herablassenden Bemerkung, mit der Drohung an der Anmeldung, mit einer Grenze, die im Dienstalltag übergangen wird, weil Stress, Hierarchie oder Gewöhnung sie verdecken.“ 


Sabine Sramek

Spannung in Gesundheitseinrichtungen

Gerade diese Breite macht das Thema so heikel. „Gewalt beginnt nicht erst dort, wo die Polizei gerufen wird. Sie beginnt oft früher: mit der Berührung, die zu selbstverständlich wird, mit der herablassenden Bemerkung, mit der Drohung an der Anmeldung, mit einer Grenze, die im Dienstalltag übergangen wird, weil Stress, Hierarchie oder Gewöhnung sie verdecken“, sagt Sramek. Wer Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen nur als geschützte Räume beschreibe, blende aus, wie viel Spannung in ihnen stecke. Wartezeiten, Personalengpässe, Zeitdruck, Überforderung, Scham und Angst verdichteten sich dort jeden Tag aufs Neue.

 

Den strukturellen Kern des Problems bringt Sramek auf eine knappe Formel: „Dieses Macht-Ohnmacht-Abhängigkeitsverhältnis, das ist immer ein guter Nährboden für Gewalt.“ Tatsächlich liegen in kaum einem anderen Bereich Verletzlichkeit und Autorität so eng beieinander wie im Gesundheits- und Sozialwesen. Menschen werden gewaschen, untersucht, gelagert, gepflegt, beruhigt und begleitet. Sie verlieren Kontrolle über ihren Körper, über ihre Zeit, oft auch über ihre Sprache. Gleichzeitig arbeiten Beschäftigte unter Belastung, in Schichtsystemen und in Situationen, in denen wenige Sekunden über den weiteren Verlauf entscheiden können. „Gewaltprävention ist in solchen Strukturen keine Nebensache, sondern Teil professioneller Ordnung“, sagt Sramek.

 

Katholisch bedeutet Verantwortung

Für den Orden kommt eine weitere Ebene hinzu: seine Identität als katholischer Träger. Den Barmherzigen Brüdern sei wichtig gewesen, den Gewaltschutz nicht auf körperliche oder verbale Übergriffe zu verengen, sondern auch den Aspekt spiritueller Gewalt ausdrücklich mitzudenken, sagt Sramek. Gemeint seien damit Formen von Machtmissbrauch, die aus religiösen Rollen, aus Seelsorgebeziehungen oder aus moralischer Autorität entstehen könnten. Gerade weil die Einrichtungen der Barmherzigen Brüder Würde, Zuwendung und Hospitalität als Teil ihrer Identität verstünden, sei auch der Anspruch, in diesem Bereich besonders sensibel zu sein, entsprechend hoch.

 

Die Antwort des Ordens liegt in Schutzkonzepten, die nicht bloß auf dem Papier stehen sollen. In Österreich soll das im Dezember 2025 von Sabine Sramek für die Einrichtung Kritzendorf vorgestellte Schutzkonzept bis Ende 2026 in allen Einrichtungen individuell adaptiert und verankert sein. Manche Häuser haben Risikoanalysen bereits abgeschlossen, andere arbeiten noch an einzelnen Schritten. Ziel sind feste Ansprechpersonen, klare Meldewege, definierte Zuständigkeiten, Deeskalationsstrategien und Verfahren für den Fall, dass Gewalt vermutet oder bestätigt wird. Dabei bauen die Barmherzigen Brüder auf bestehenden rechtlichen Vorgaben auf, gehen mit ihren eigenen Konzepten aber bewusst noch weiter.

 

Prävention schon beim Bewerbungsprozess

Wie konkret solche Strukturen aussehen können, zeigt der Bereich der Ordensverwaltung München. Dort gilt für den Krankenhausverbund der Barmherzigen Brüder ein institutionelles Schutzkonzept, das Prävention, Verhaltenskodex und Meldekonzept bündelt. Das Konzept dient ausdrücklich dem Schutz von Patientinnen und Patienten ebenso wie von Mitarbeitenden. Vorgesehen sind Präventionsbeauftragte an den Standorten, feste Prozesse in den Personalabteilungen, verpflichtende Schulungen und ein internes Handlungskonzept für die Geschäftsführung bei Verdachtsfällen.

 

Systematische Prävention hat dort einen besonderen Stellenwert. Neue Mitarbeitende werden schon im Bewerbungsprozess mit dem Thema konfrontiert, der Verhaltenskodex ist Teil des Dienstverhältnisses, Schulungen sind verpflichtend. Im Krankenhausverbund sollen alle Beschäftigten innerhalb von fünf Jahren mindestens drei Stunden Fortbildung zur Prävention von Gewalt absolvieren; ergänzt wird das durch Vertiefungsmodule und regelmäßige Befassung in Gremien und Teams.

 

So sicher wie möglich

Die Umsetzung in Österreich ist dabei nicht das Ende der Entwicklung, betont Sramek. Erste Gespräche mit ungarischen Einrichtungen des Ordens gab es bereits. Was bis Ende 2026 in Österreich in allen Einrichtungen umgesetzt sein soll, bilde damit zugleich die Grundlage für den nächsten Ausbau in der gesamten Ordensprovinz Europa Mitte. Danach sollen auch die übrigen Länder der Provinz stärker in die Schutzkonzepte einbezogen werden, angepasst an ihre jeweiligen rechtlichen und organisatorischen Bedingungen.

 

Für die Barmherzigen Brüder ist die Umsetzung der Schutzkonzepte damit schon jetzt kein Endpunkt. Gewaltprävention verstehen sie als dauernde Aufgabe: Strukturen sollen weiter geschärft, Maßnahmen regelmäßig überprüft und Konzepte an neue Herausforderungen angepasst werden. Der Anspruch ist klar: Mitarbeitende wie Patientinnen und Patienten sollen sich in den Einrichtungen so sicher wie möglich fühlen können.

Das Bild ist ein Symbolfoto einer Hand, die 'Stopp' signalisiert.

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