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Zwei Gärten für die Ewigkeit

 

Der Barmherzige Bruder Norbertus Boccius sammelte mehr als 1.200 Pflanzen für sein dreibändiges „Herbarium vivum“. Daraus erwuchs später der berühmte Codex Liechtenstein, und die Karriere dreier bedeutender Pflanzenmaler nahm ihren Anfang.

 

AUTor: Simon Doering

29. September 2026

Das Bild zeigt Frater Norbertus Boccius.

Ordensmann und Arzt: Frater Norbertus Boccius (1729–1806) Auch abseits seiner Bücher arbeitete Boccius mit Pflanzen. Hinter dem Kloster ließ er einen Obstgarten mit Brunnen für Patient:innen anlegen.

Aus einem reich verzierten Blumentopf wächst ein dünner Stängel. Seine Blätter sind trocken, die Blüte hat längst ihre Farbe verloren. Trotzdem ist die Pflanze echt. Vor mehr als 250 Jahren wurde sie gepflückt, gepresst und auf handgeschöpftes Papier geklebt. Bis heute liegt sie dort.

 

Sie ist Teil des „Herbarium vivum“ des Barmherzigen Bruders Norbertus Boccius. Der lateinische Titel bedeutet „lebendes Herbarium“. „Das Werk umfasst drei Bände mit insgesamt 1.216 gepressten Pflanzen“, erklärt Frater Martin Macek. Ein großer Teil der Exemplare stammt aus Feldsberg und der Umgebung der Pollauer Berge. „Neben wild wachsenden Arten enthält die Sammlung auch Heil-, Nutz- und Zierpflanzen“, so Macek. Hinzu kommen kultivierte Sorten und fremdländische Gewächse.

 

Vom Banat nach Feldsberg

Die Geschichte des Mannes hinter diesem außergewöhnlichen Pflanzenbuch beginnt weit entfernt von Feldsberg. Norbertus Adamus Boccius wurde am 15. Januar 1731 als Johann Adam Boccius in Temesvár geboren, dem heutigen Timișoara in Rumänien. Sein Vater war Militärarzt und starb noch im Geburtsjahr seines Sohnes. Die Mutter zog daraufhin mit ihren Kindern nach Wien.

 

Mit 15 Jahren besuchte Johann Adam eine Mittelschule in Prag. Dort trat er 1748 in den Orden der Barmherzigen Brüder ein und nahm den Ordensnamen Norbertus an. Nach dem Noviziat legte er am 27. Juli 1749 seine erste Profess ab. Nur wenige Wochen später schickte ihn der Orden nach Feldsberg, heute Valtice in Südmähren. Im dortigen Hospital sollte er die Krankenpflege erlernen.

 

Der Ort sollte ihn nicht mehr loslassen. Zwar wurde Boccius 1760 für drei Jahre zum Prior in Görz gewählt, doch 1763 kehrte er nach Feldsberg zurück. Hier verbrachte er insgesamt 43 Jahre seines Lebens. Er arbeitete im Krankenhaus und unterrichtete Anatomie und Chirurgie. 1778 übernahm er die Leitung der chirurgisch-medizinischen Schule des Ordens. Auf dem Lehrplan standen nicht nur Wundversorgung, Verbandslehre und Krankenpflege. Auch Botanik und der Anbau von Heilpflanzen gehörten zur Ausbildung.

Das Bild zeigt Frater Martin Macek mit einem Herbarium.

Das „Herbarium vivum“ zählt zu den besonderen Schätzen, die von den Barmherzigen Brüdern über Generationen bewahrt wurden.

„Das Herbarium ist nicht nur botanisch, sondern auch wegen der kunstvollen Bemalung der Töpfe bemerkenswert.“

Frater Martin Macek

Ein Stück Natur auf jeder Seite

Als Boccius 1766 zum Prior des Feldsberger Konvents gewählt wurde, entstand auch sein „Herbarium vivum“. Drei schwere Bände, gefüllt mit Pflanzen, die sonst längst zu Erde geworden wären. Der Titel „lebendes Herbarium“ war damals keine poetische Erfindung. Er bezeichnete Sammlungen, in denen echte Pflanzen gepresst und getrocknet aufbewahrt wurden. Wer eine Seite aufschlug, betrachtete also nicht das Bild einer Pflanze, sondern ihr konserviertes Original.

 

Boccius beließ es jedoch nicht bei einer nüchternen Aneinanderreihung botanischer Präparate. „Viele Pflanzen wurden so angeordnet, als würden sie aus gemalten Blumentöpfen wachsen“, erklärt Frater Martin. Manche Gefäße sind schlicht, andere mit Ornamenten verziert. „Das Herbarium ist deswegen nicht nur botanisch, sondern auch wegen der kunstvollen Bemalung der Töpfe bemerkenswert“, sagt Macek. Das Werk zählt heute zu den ältesten erhaltenen Herbarien auf dem Gebiet der Tschechischen Republik. Seine drei Bände werden im Archiv des Brünner Konvents der Barmherzigen Brüder aufbewahrt.

 

 

Drei Jungen malen Geschichte

Mit den gemalten Blumentöpfen beginnt eine zweite Geschichte. Sie führt zu drei Brüdern aus Feldsberg: Joseph, Franz und Ferdinand Bauer. Ihr Vater Lukas Bauer war Hofmaler des Fürsten von Liechtenstein, starb jedoch früh. Als das „Herbarium vivum“ entstand, waren seine drei Söhne noch Kinder. Die Bemalung der Töpfe und weitere Verzierungen werden ihnen zugeschrieben. „Boccius hat erkannt, dass die Brüder eine Begabung für die Malerei hatten“, sagt Frater Martin. Er förderte die Jungen und bezog sie später in ein weitaus größeres botanisches Projekt ein.

 

In den 1770er-Jahren begann die Arbeit am „Liber regni vegetabilis“, dem „Buch des Pflanzenreichs“. Die späteren Bände erhielten den kürzeren Titel „Hortus botanicus“ – botanischer Garten. Heute ist das gesamte Werk als Codex Liechtenstein bekannt. Es wurde ein Unternehmen für Jahrzehnte. Bis 1804 entstanden 14 Bände mit 2.748 Aquarellen. Sie zeigen rund 3.100 Pflanzenarten und Varietäten. Zu sehen sind Pflanzen aus Mähren und Niederösterreich, heimische Nutz- und Ziergewächse, aber auch exotische Arten aus anderen Erdteilen. Einige davon waren erst im 18. Jahrhundert nach Europa gelangt und wurden unter großem Aufwand in botanischen Gärten und fürstlichen Gewächshäusern kultiviert.

Das Bild zeigt einen bemalten Blumentopf.

Während die Blumentöpfe anfangs noch einfach gestaltet waren, bestechen die Aquarelle der drei Brüder später durch eine beeindruckende technische Kunstfertigkeit.

Das Bild zeigt eine Seite aus dem 'Herbarium vivum'.

Während die Blumentöpfe anfangs noch einfach gestaltet waren, bestechen die Aquarelle der drei Brüder später durch eine beeindruckende technische Kunstfertigkeit.

Ein Pflanzenreich in Wasserfarben

Mehr als die Hälfte der Bilder stammt von den Brüdern Bauer. Die Herstellung eines einzelnen Aquarells dauerte durchschnittlich etwa eine Woche. Blätter, Blüten, Früchte und Wurzeln mussten so genau wiedergegeben werden, dass die jeweilige Pflanze erkennbar blieb. Nachdem die Bauer-Brüder Feldsberg verlassen hatten, führten der Maler Jacob Walter und der Barmherzige Bruder Stanislaus Figenschuh die Arbeit fort. Ihre Vorgänger ­waren zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg zu internationalen Karrieren.

 

Joseph Bauer wurde Kammermaler der Fürsten von Liechtenstein und später Direktor ihrer Gemäldegalerie in Wien. Franz ging nach England und arbeitete als botanischer Illustrator an den Royal Botanic Gardens in London. Ferdinand nahm an Forschungsreisen in den östlichen Mittelmeerraum und nach Australien teil. Seine Pflanzenbilder machten ihn zu einem der bekanntesten naturwissenschaftlichen Illustratoren seiner Zeit. Ihre Wege führten in die ganze Welt. Begonnen hatten sie mit gemalten Blumentöpfen in einem Feldsberger Herbarium.

 

 

Ein Luxusgarten für die Kranken

1799 übergab Boccius die ersten zwölf Bände seines gemalten Pflanzenwerks an Fürst Alois I. von Liechtenstein. Daher trägt es heute den Namen Codex Liechtenstein. Zwei weitere Bände folgten. Aus Boccius’ Korrespondenz ist bekannt, dass er den Maler sowie Farben und Pinsel für die letzten Bände aus eigenen Mitteln bezahlt hatte. Als der 14. Band 1804 fertig wurde, waren seine Gesundheit und seine Sehkraft bereits geschwächt. Eine Fortsetzung des Werkes war für ihn nicht mehr möglich.

 

Auch außerhalb seiner Bücher arbeitete Boccius mit Pflanzen. Hinter dem Kloster entstand ein Obstgarten mit Brunnen und einem überdachten Aufenthaltsplatz für Patienten. Auf seinen Reisen durch die Ordensprovinz sammelte er weitere Obstsorten, die in Feldsberg gezüchtet und veredelt wurden. 1780 legte er außerhalb der Stadtmauern einen zweiten, in den Quellen als „Luxusgarten“ bezeichneten Garten an. 1805 übergab er ihn dem Konvent. Das dort gezogene Obst sollte den Kranken im Hospital zur Verfügung stehen, weil diese Sorten selten und teuer waren.

 

Ein Jahr später, am 14. Juli 1806, starb Norbertus Boccius im Alter von 75 Jahren in Feldsberg. Das „Herbarium vivum“ mit den echten, gepressten Pflanzen liegt heute in Brünn. Der gemalte Codex Liechtenstein gelangte über Wien nach Vaduz und gehört dort zu den Fürstlichen Sammlungen. Die Gärten, die Boccius in Feldsberg anlegen ließ, sind verschwunden. Geblieben sind nur seine anderen zwei Gärten: einer aus getrockneten Pflanzen, der andere aus Wasserfarben.

Links zu den "Gärten für die Ewigkeit"

Links zu Websites in deutscher, tschechischer und ungarischer Sprache

Deutsch

  • Geschichte des Ordens in Feldsberg
  • Die Kulturlandschaft Lednice–Valtice
  • Geschichte von Schloss Valtice
  • Hortus Botanicus – Band I liechtensteincollections.at
  • Ferdinand Lucas Bauer – Deutsche Biographie
  • Franz Andreas Bauer – Deutsche Biographie

 

Tschechisch

  • Otec Boccius a bratři Bauerové
  • Historie – Město Valtice Valtice
  • Lednicko-valtický areál National Heritage Institute
  • Bauer, Ferdinand Lucas a Franz Andreas Botany
  • Valtice vinařské – významné osobnosti

 

Ungarisch

  • Lednice–Valtice komplexum
  • Lednice 
  • Lednicei kastély
  • Lednice, Valtice, Mikulov háromszög Csehország

 

Das Bild zeigt das Aquädukt im Schlosspark von Lednice (Eisgrub).

Das Aquädukt im Schlosspark von Lednice (Eisgrub)

Ein Fürstenhaus prägt eine Landschaft

 

Die Familie Liechtenstein ist eng mit der Geschichte der Barmherzigen Brüder in Tschechien verbunden. Ihre Spuren reichen jedoch weit über den Feldsberger Konvent hinaus. Seit dem Mittelalter besaßen die Liechtensteiner die Herrschaften Lednice und Valtice. Im Laufe mehrerer Jahrhunderte verwandelten sie das Gebiet zwischen ihren beiden Schlössern in eine weitläufige Parklandschaft.

 

Wer sie heute durchquert, wechselt scheinbar mit jedem Bauwerk Zeit und Kontinent. Zwischen Alleen, Teichen und alten Baumgruppen ragt ein fast 60 Meter hohes Minarett auf. Wenig später erscheinen eine künstliche Burgruine, ein römisches Aquädukt, antike Tempel und eine klassizistische Kolonnade. In Lednice ließ die Familie zudem ein neugotisches Sommerschloss und ein 92 Meter langes Palmenhaus errichten. Wege und Sichtachsen verbinden die einzelnen Bauwerke zu einem großen Gesamtbild. Seit 1996 gehört die Kulturlandschaft Lednice–Valtice zum UNESCO-Welterbe und wird Jahr für Jahr von Hunderttausenden Menschen besucht und bewundert.
 


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